Texte


Eröffnungsrede von Herrn Dr. Daur (Museum Wiesbaden).

Jubiläumsausstellung 65 Jahre
im Rathaus der Landeshauptstadt Wiesbaden

 

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Frau Scholz, sehr verehrte Mitglieder der Künstlergruppe 50

 65 Jahre sind eine lange Zeit, sind eine gute Zeitspanne, die von der Gegenwart zurückreicht bis in die Nachkriegszeit. Kaum einer von uns kann weiter zurückblicken. So bilden die 65 Jahre auch die Geschichte der hier anwesenden Generationen ab. Und auch die Geschichte unserer Stadt, wie wir sie heute erleben und wie wir sie in den letzten Jahrzehnten erleben durften.

Die Künstlergruppe 50 ist Teil dieser Geschichte. Sie hat das künstlerische Leben in dieser Stadt mitgeprägt, war stets ein Zentrum und Fixpunkt für die hier ansässigen Kunstschaffenden. Und weit mehr als das: Mit der Gruppe 50 entstanden Verbindungen, Begegnungen weit über Wiesbaden hinaus. Einmal mehr zeigt sich hier, dass gerade die Kultur das Verbindende zwischen unterschiedlichen Menschen und Mentalitäten sein kann, die Kunst und Kultur es ist, die Brücken baut, die Freundschaften möglich macht. So wurde auch die Städtepartnerschaft mit San Sebastian bestärkt und getragen durch Engagement und Begegnungen der Gruppe 50 mit der dortigen Kunstszene. Die erste Ausstellung in San Sebastian fand im Übrigen bereits im Jahre 1979 statt! Und auch Fatih, der Altstadtbezirk Istanbuls, das Tor zum Bosporus mit jahrtausendealter Geschichte wurde als jüngste Partnerstadt bereits durch unsere Künstlergruppe erobert. (Erobert sage ich hier mit einem Schmunzeln, leitet sich der Städtenamen doch von Sultan Mehmet dem Eroberer, türk. Fatih, ab.) Jedenfalls wurden unsere Künstler und deren Werke im vergangenen Herbst im dortigen Stadthaus empfangen und ausgestellt. Und sind nun, in der Folgeausstellung in unserem eigenen Rathaus zu betrachten.

Sie sehen also, meine Damen und Herren, die Gruppe 50 ist wesentlicher Teil der Wiesbadener Geschichte.

Als sich im Jahr 1950 eine Gruppe von Kunstschaffenden um Christa Moering und Heinz-Rudi Müller zusammenfand, konnte sicher keiner ahnen, welchen Verlauf diese Geschichte nehmen sollte.

Wie auch andernorts fanden sich Künstlerinnen und Künstler zusammen, einen Neubeginn anzugehen. Sich gegenseitig zu versichern und zu bestärken, nach der kulturellen Wüste die die Politik der Nationalsozialisten hinterlassen hatte. Verwiesen sei hier auch auf die – sicherlich in größerem Rahmen zu verortende – „Gruppe 47“ die wegweisend war für den Neubeginn der deutschen Literatur nach 1945. Verwiesen sei hier darauf, weil auch die Gruppe 47 sich nicht als programmatischer Zusammenschluss verstand, sondern als Forum des Austauschs, der gegenseitigen Kritik und Anregung.

Im Gegensatz zu programmatischen Gruppen, die einen bestimmten Stil oder eine Haltung verfolgten, die sich ein Manifest gaben und unter diesem Thema gemeinsame Ausstellungen forcierten, war die Gruppe 50 von Anfang an mehr auf den Austausch, auf die individuelle Weiterentwicklung konzentriert, als auf ein bestimmtes künstlerisches Programm.

Und ich meine, gerade dies hält die Gruppe bis heute lebendig, über mehrere Generationen, die inzwischen mit ganz anderen Techniken und Medien arbeiten, als die Begründer 1950. Die Möglichkeit der Entwicklung, nicht nur der einzelnen Mitglieder, sondern auch der Gruppe selbst über diese, war also von vorneherein angelegt. Auch aus diesem Grund änderte die Gruppe ihre ursprüngliche Bezeichnung als Künstlergruppe 1950 in den 70er Jahren zur Künstlergruppe 50, um deutlich zu machen, nicht auf die Nachkriegszeit fixiert zu sein. Die Gruppe 50 war schon immer ein konzentrierter Kreis, die Anzahl der Mitglieder wurde bewusst relativ klein gehalten. Monatliche Treffen, zu denen (wie ich auch selbst erleben konnte) die Mehrzahl der Mitglieder zusammen kommen, sind die Regel. Dazu gegenseitige Atelierbesuche, Ausstellungsbesuche, Exkursionen.

Die Gründungsmitglieder in Wiesbaden waren beeinflusst durch das Schaffen Adolf Hölzels, auch Vincent Weber als Direktor der Werkkunstschule war eine wichtige Figur. Und natürlich Christa Moering, die als Vorbild und Lehrerin zahlreiche Mitglieder der Gruppe prägte und bereits bei Weber in Stettin studiert hatte.

Die erste Ausstellung wurde in der Kritik gewürdigt und als Anfangspunkt einer wieder erwachenden Begeisterung für die bildende Kunst in Wiesbaden beschrieben, vom „Frühling“ ist die Rede, als Jahreszeit aber auch als Aufbruch für die Kunst. Und als anregend wird die Zusammenstellung gelobt, dank der Vielfalt der Themen, aber auch der Verschiedenheit der Auffassung und Malweise der einzelnen Aussteller.

Ich meine, diese Anregung kann auch heute erfahren werden, der Charakter der Gruppe hat sich nicht geändert, einzig die Positionen haben sich im Lauf der Zeit entwickelt. So finden sich heute Fotografie, Digitalprint, Installation und Objektkunst neben klassischen Techniken wie Acryl oder Öl auf Leinwand. Neue Bildmedien und Themen finden sich genauso wie bewährte Sujets und Ausdrucksformen.

Einige Gemälde verraten ihre Verwandtschaft mit dezidierten Wiesbadener Positionen: Swantje von Bismarcks Lichtung aus dem vergangenen Jahr wie auch Bettina Gelhard-Reeh Stilleben aus 2015 lassen den Einfluss von Christa Moering spüren, genauso wie Isanna von Perbandts Arbeiten aus dem Jahre 2011, die zugleich an einige Werke von Vincent Weber erinnern. Es ist gut, dass hier etwas eine Fortschreibung erhält, das die Malerei in Wiesbaden über viele Jahre geprägt hat. Selbstverständlich sind die heutigen Arbeiten dabei aber eigenständig genug, um sich zu behaupten, sind vielmehr Weiterentwicklung als einfache Übernahme.

Das gilt im Übrigen auch für die Komposition 146/98 von Anne Esser, die sicher nicht nur wegen ihrer Bezeichnung an Otto Ritschl denken lässt. Diese Werke haben Qualität und tragen Wiesbadener Malereigeschichte in sich, bilden eine Brücke aus der Vergangenheit in die Gegenwart und Zukunft.

Meine Damen und Herren, erlauben Sie mir anhand einiger weiterer Beispiele die Breite des Schaffens der Gruppe 50 vorzustellen und entschuldigen Sie bitte zugleich, dass ich nicht auf jede Position in der Ausstellung eingehen kann. Nehmen Sie also meine Ausführung durchaus exemplarisch für die Gesamtheit der hier versammelten Arbeiten.

Zum einen möchte ich Ihnen die Malerei von  Alois Ewen und Joan Draxler vorstellen, die beide eine Ausarbeitung zum Thema des Lichtes mitgebracht haben. In ganz unterschiedlicher Weise, einmal ungegenständlich aus der Malerei heraus entwickelt, einmal aus dem Bild der Natur. Beiden gelingt es über die Farbe im Bild eine Atmosphäre aus Licht zu erzeugen, die sich im einen Fall pulsierend knapp unter der Bildfläche bewegt, im anderen die Weite einer Landschaft durchzieht.

Alois Ewen bezeichnet seine Bilder als Fenster und tatsächlich erscheinen diese wie farbiges Glas, durch das das Licht in einen Kirchenraum scheint. Allerdings fehlt diesen Fenstern das Bildprogramm, sind sie doch vielmehr ungegenständlich und an Farbklängen interessiert. Bei Joan Draxler öffnen sich die Fenster, lassen uns ganz klassisch blicken in eine Landschaft, die sich außerhalb dieses Raumes befindet, die im Titel benannt sogar vermuten lässt, dass die Natur hier ganz direkt als Vorbild diente. Doch auch hier finden wir ein freies Spiel mit der Farbe, das über die Natur hinausgeht, das Atmosphäre erzeugt und für starken künstlerischen Ausdruck steht.

 

Beide Maler bilden – gerade in ihrer Verschiedenheit – eine Klammer, welche exemplarisch für die unterschiedlichen Positionen der Gruppe 50 stehen mag. Abstrakt oder gegenständlich ist letztlich nicht wirklich entscheidend, wenn es um den malerischen Ausdruck geht.

Neben den klassischen malerischen Fragestellungen finden sich jedoch auch zahlreiche andere Ansätze in dieser Ausstellung, von denen ich Ihnen im Folgenden vier vorstellen möchte.

Zunächst ist hier die Arbeit von Bettina Flößner zu nennen, ein Digitaldruck, der malerisch verkleidet wurde. Die Personalisierung einer Datenstruktur, das Individuum als Ausschnitt aus dem Datenfluss? Oder doch eine ursprüngliche Hieroglyphen-ähnliche Abfolge, die allem gegenständlich Fassbaren zugrunde liegt? Hier finden sich Bildmodi und -welten gegeneinandergestellt, die unseren heutigen Alltag prägen, und zugleich die Frage nach dem persönlichen Ausdruck und dessen Wahrnehmung stellen – und dies nicht nur im Bereich der Kunst.

Zu nennen ist auch die fotografische Arbeit von Frank Deubel, der aus erhöhter Perspektive unterschiedliche Positionen eines Körpers festhält. Diese wie Kontaktabzüge oder Filmstreifen präsentiert und also einen Bewegungsablauf simuliert, der uns ins schneller gleichsam stroboskopartiger Beleuchtung ins Auge springt. Die Verortung eines Körpers im Raum wird genauso thematisiert, wie die Auflösung dieses Raumes in Bewegung und Zeit.

Das Medium Fotografie wird befragt und mit diesem der klassische Akt, seit jeher zentrales Thema in der bildender Kunst.

Petra von Breitenbach zeigt Bruchstücke von Gebäuden, archäologischen Funden gleich in Vitrinen verwahrt. Wir erinnern uns an zerstörte Häuser durch Krieg oder Naturkatastrophen, den Verlust der Heimat und die Hoffnung wieder eine Umfassung zu finden, in der sich leben lässt. Die Fundstücke werden ergänzt durch die Zeichnung eines türkischen Jungens, dessen Schmerz darin einen Ausdruck findet. Schalen aus Gips bilden Gefäße oder schirmen Inhalte ab, schützen und verwehren zugleich. Das Menschliche, obwohl abwesend wird ahnbar, als Hoffnung oder auch Leid.

Und auch Tom Sommerlatte weist mit seinen Tugenden, in Form von plastisch gestalteten Reliefs auf Grundlagen unseres Daseins. Auch ihm geht es darum, diesen einen sichtbaren Inhalt und eine gegenwärtige Form zu geben, eine Form, die uns auch im Heute trägt.

Die Idee zu den 7 Tugenden kam ihm, als vor einigen Jahren 7 Holzreliefs gefunden wurden, die einstmals im alten Rathaus als Maßgabe zum guten Handeln und zur tugendhaften Führung der Stadt Vorbild geben sollten. Tom Sommerlatte machte sich daran, diese in die heutige Zeit zu transferieren. Und wo könnte ein besserer Ort sein für diese Tugenden als im aktuellen Rathaus der Stadt:

Auch das ist Geschichte, Geschichte unserer Landeshauptstadt.

 

Der Hauptfigur unseres heutigen Abends aber, der Künstlergruppe 50 wünsche ich von Herzen eine lange Zukunft, in der die künftige Geschichte erst noch geschrieben werden wird.

 

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit

 

(Dr. Jörg Daur)


Renate Petzinger

 

Ausstellungseröffnung Gruppe 50

 

Freitag, 10.9.2010, 19.00 Uhr, Rathaus

 

 

 

Sehr geehrte, liebe Künstlerinnen und Künstler,

 

sehr geehrte, liebe Frau Thies,

 

liebe Gäste,

 

meine erste Begegnung mit der Gruppe 50 datiert auf das Jahr 1990. Im Museum Wiesbaden wurde damals eine Ausstellung gezeigt, bei der die Mitglieder anlässlich des 40-jährigen Bestehens der Gruppe mühelos die schwierige Architektur eines der beiden wuchtigen Steinsäle meisterten.

 

Zehn Jahre später begegneten wir uns zum fünfzigjährigen Jubiläum der Gruppe 50 in der Dresdner Bank.

 

Und heute ist es das Wiesbadener Rathaus, in dem wir den 60. Geburtstag der Gruppe 50 mit einer Ausstellung feiern, die – wie auch die vorausgegangenen Jubiläumsausstellungen – erneut von einem sehr gut gemachten Katalog begleitet wird.

 

Es gibt bzw. es gab diesmal sogar eine weitere Ausstellung im Stadthaus der Wiesbadener Partnerstadt Klagenfurt, zu deren Eröffnung im Mai 2010 sich auch unsere inzwischen 94jährige Ehrenbürgerin Christa Moering nach Österreich aufgemacht hat.

 

Mit der Erwähnung ihres Namens bin ich auch schon bei der Gründung der Künstlergruppe 50, wie sie sich ursprünglich nannte, die vor fast genau 60 Jahren am 10. August 1950 vom Wiesbadener Kurier vermeldet wurde.

 

Christa Moering gehörte damals neben Paul Sarnowski und Heinz Rudi-Müller zu den 15 Gründungsmitgliedern, die sich für eine Mitgliedschaft zwei Ziele setzten:

 

Die Gruppe ist richtungsmäßig nicht gebunden heißt es in der Satzung.

 

Zugleich steht dort die Forderung nach einem in den Werken sichtbar werdenden künstlerischen Streben.

 

Vergleichbare Künstlergruppen wie in Wiesbaden bildeten sich in den 1940er und 1950er Jahren in vielen westdeutschen Städten.

 

Nach 12 Jahren nationalsozialistischer Kulturbarbarei ging es um einen künstlerischen Neuanfang mit vielen Fragen:Wie verorten wir uns als Künstler nach diesen schrecklichen Jahren der Unterdrückung und des Krieges mit unserer Kunst in der noch jungen Demokratie? Welches sind unsere künstlerischen Vorbilder? Wo liegen unsere Ziele? Wo gibt es künstlerische Gemeinsamkeiten und wo liegen die Unterschiede?

 

In einer Zeit ohne Fernsehen und Internet und mit eher spärlichen Möglichkeiten der visuellen und textlichen Information und der Auseinandersetzung mit den Neuansätzen einer sich als zeitgenössisch verstehenden Kunst war der Diskussions- und Informationswert dieser Künstlergruppen in den 1950er Jahren gar nicht hoch genug einzuschätzen.

 

Die Künstlergruppe 50 aus Wiesbaden, die sich heute einfach Gruppe 50 nennt, blieb auch in den Folgejahrzehnten ein wichtiger künstlerischer Kristallisationspunkt in Wiesbaden.Dass die Gruppe aber bis heute so lebendig geblieben ist, wie wir sie anlässlich ihres 60. Geburtstags in dieser Ausstellung erleben, ist keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Andere lokale Künstlergruppen aus der gleichen Zeit haben sich inzwischen aufgelöst oder existieren nur noch auf dem Papier.

 

Zu den Gründen für die Dauerhaftigkeit der Gruppe 50 gehört neben dem nimmermüden weiblichen Antrieb durch Christa Moering und dem kollegialen und freundschaftlichen Klima des Miteinanders in der seit 1990 unter dem Vorsitz von Myriam Topf-Bernstorff arbeitenden Gruppe sicherlich auch die Tatsache, dass den heute 23 im Katalog aufgeführten Mitgliedern allen eine gewisse Umtriebigkeit eigen ist.

 

Einmal im Monat trifft man sich bei Christa Moering, hat hier ein Netzwerk, ein Auffang-becken für Zeiten des produktiven Nachdenkens, einen Ort der Diskussion von Ausstellungsplanungen und erfährt Feedback und kollegiale Beratung.

Eine weitere Besonderheit der Gruppe 50 samt dem Geheimnis ihrer Lebendigkeit liegt aber auch darin, dass diese Gruppe sich von Anfang an als „Stadtgruppe“ verstand, also als Künstlergruppe, deren Mitglieder hier in Wiesbaden nicht nur leben und arbeiten, sondern auch anderweitig in vielfältiger Weise aktiv am künstlerischen Leben der Stadt teilnehmen. Wer Wiesbaden über einen längeren Zeitraum hin verlässt, scheidet aus der Gruppe aus, aber wer hier ist, den trifft man eigentlich überall, wo es in der Stadt um die Kunst geht:

 

Bei Ausstellungseröffnungen in Galerien, im Kunsthaus, im Kunstverein und im Museum, als Pädagogen und als Dozenten von Volkshochschule und freier Kunstschule, als Mitglied im BBK und in der GEDOK, bei den Freunden der Kunst im Museum Wiesbaden und beim Kunstverein, und last but not least natürlich im Atelier Moering.

Die Mitglieder der Gruppe setzen sich insofern ständig mit vielfältigen zeitgenössischen und älteren Strömungen der Kunst des 20. und inzwischen auch des 21. Jahrhunderts auseinander.

Bei aller Vielfalt der Positionen, zu denen dies in der Gruppe 50 beiträgt, lassen sich aber doch einige gemeinsame Wurzeln und Tendenzen ausmachen.

Eine Schlüsselfigur für die Gruppe ist ohne Zweifel der Maler und Grafiker Vincent Weber.

Weber war Schüler der beiden Bauhäusler Johannes Itten und Oskar Schlemmer und lehrte in den 1930er Jahren an der Kunstgewerbeschule in Stettin. Dort verbreitete er auch die Farb- und Kompositionslehren von Adolf Hölzel.

Zwei Gründungsmitglieder der Gruppe 50, Christa Moering und Heinz Rudi Müller, waren in Stettin Schüler von Vincent Weber.

Und es war wiederum Christa Moering, die den von ihr verehrten Lehrer im Jahre 1954 als Direktor an die Wiesbadener Werkkunstschule holte. Von den heutigen Mitgliedern der Gruppe 50 haben mehr als die Hälfte früher oder später, direkt und indirekt von den künstlerischen Wurzeln dieser Maltraditionen profitiert, sei es als Schüler von Vincent Weber selber oder als Schüler von dessen Schülern.

 

Andere Mitglieder kamen hinzu nach einer Ausbildung im Frankfurter Städel, an der HFG Offenbach, der Folkwangschule Essen, der Hdk Berlin oder brachten ihre künstlerischen Erfahrungen aus Frankreich und aus den USA in die Gruppe ein. Wenn wir uns nun näher anschauen, was 21 von ihnen in die heutige Jubiläumsausstellung mitgebracht haben, dann fällt zunächst eines auf:

 

Das einheitliche Format von 50 x 60 oder umgekehrt 60 x 50 cm, von dem nur in wenigen Ausnahmefällen abgewichen wird.

Dieses Format ergibt sich zum einen aus dem Namen der Gruppe 50, zum anderen aus dem 60-jährigen Jubiläum.Das Format erlaubt aber auch einen Kunstgriff, ohne den die Ausstellung auf der zur Verfügung stehenden Fläche wohl kaum in dieser Übersichtlichkeit hätte realisiert werden können:

 

Fast jede der beteiligten16 Künstlerinnen und jeder der beteiligten 5 Künstler ist mit 2 Arbeiten in der Ausstellung vertreten. Einzige Ausnahme bildet die Vitrine mit den stilisierten expressiven Bronzeskulpturen von Godula Bornheim.

Wenn Sie nun den Blick schweifen lassen über die 38 Wandarbeiten, dann fällt zunächst die große Vielfalt und die Unterschiedlichkeit der hier präsentierten Arbeiten auf.

 

Diese Vielfalt, die nur auf den ersten Blick verwirrend anmutet, ist ein ganz bewusster Reflex der Zusammensetzung der Gruppe 50.

Von Beginn an repräsentiert die Gruppe ja ganz gezielt und auch ausdrücklich gewollt sehr unterschiedliche künstlerische Positionen. Bei näherem Hinsehen lässt sich die Vielfalt aber gleichwohl etwas genauer strukturiere

Es gibt eine größere Gruppe von Arbeiten, die wir in der Tradition einer eher expressiven Malweise verorten können. Innerhalb dieser Werkgruppe wiederum lässt sich eine eher expressiv gegenständliche und eine eher ins expressiv abstrakte mäandernde Haltung unterscheiden.

 

Zu den expressiv gegenständlichen und teilweise figürlichen Bildern gehören – beginnend auf der Ostwand des Ausstellungsraumes Raumes und im Uhrzeigersinn weitergehend – bei aller Verschiedenheit im Detail:

 

-       Die munteren Fabeltiere und der exotische Garten von Renate von Christen,

 

-       Die geheimnisvoll wirkenden Kartoffel-Stillleben von Isanna von Perbandt,

 

-       Die an Bilder der frühen Expressionisten Franz Marc und August Macke erinnernden farbenfrohen Gärten und südländischen Terassen von Christa Moering,

 

-       die fotorealistischen Rätselbilder mit dem Titel „Die Iden des März“ von Joan Draxler und direkt daneben den realistischen Jungen mit Schal von Jaqueline Weigand,

 

-       Die als „Macchia“ bezeichneten PflanzenAquarelle von Helmut Lippert,

 

-       Die Theaterkulissen mit ihren verrätselten Protagonisten von Arnold Gorski,

 

-       Der expressive Traum und die Parklandschaft von Swantje von Bismarck und

 

-       Die von einer ganz eigenen und eigentümlich anziehenden Farbgebung geprägten Stillleben von Bettina Geelhardt-Reeh.

 

 

 Eher den auf eine abstrakt-expressive Ausdrucksform weisenden Tendenzen lassen sich dagegen zuordnen

 

-       Die in schwarz-weiß gehaltenen Kohlefrottagen von Petra von Breitenbach,

 

-       Die mythologischen Farbexplosionen aus der Reihe Salomé von Elianne Dinnendahl,

 

-       Die Collagen aus abstrahierenden Stadtansichten und digitalen Landschaftsstreifen von Ursel Ritter,

 

-       Die an die Tradition eines WOLS erinnernden abstrakt-expressiven Farbradierungen von Anne Esser,

 

-       Die spannenden und anregenden Aquarellcollagen aus Papier von Myriam Topf-Bernstorff

 

-       Die abstrakten Ölcollagen auf feinem knitterndem Papier von Theodora Nell,

 

-       Die weißgrundigen und an die Formensprache eines Brice Marden erinnernden Tafeln von Gabriele Strecker sowie

 

-       Die abstrakt-expressive Materialcollage von Gisela Großhaus.

 

 Eher als Werke von Einzelgängern innerhalb der Gruppe würde ich sehen

 

-       die labyrinthischen und phantasiereichen und nur scheinbar naiven Arbeiten mit ihren philosophischen Kommentaren von Alois Ewen,

 

-       die zivilrechtlichen Kastanien mit den Zement-Hieroglyphen von Bettina Flössner und last but not least

 

-       die beiden farbintensiven und wie surreale Phantasiegebildeanmutenden Wiedererweckungen der Tugenden „Weisheit“ und „Mäßigung“ durch Tom Sommerlatte, der uns in seinen beiden Reliefcollagen auf hintersinnige Weise einen Spiegel vorhält (die Idee zu diesen Reliefs hatte Sommerlatte anlässlich einer Ausstellung des Stadtmuseums, welches 7 Holzreliefs mit den 7 Tugenden zeigte, die man in den Kellern des alten Rathauses gefunden hatte).

 

Ausgerüstet mit dieser kleinen Hilfe zur Strukturierung möchte ich Sie nun einladen, sich auf die Arbeiten der Ausstellung näher einzulassen. Lassen Sie dabei die Intensität und die sinnliche Erfahrbarkeit der Behandlung des Materials Farbe und die zum Teil spannenden Abstufungen des Kolorits auf sich wirken.

Spüren Sie der Linie und der Weichheit des Materials Graphit nach.

Schauen Sie sich an, zu welchen dreidimensionalen Überraschungen das Material Papier nicht nur als Bildträger, sondern als reliefartige Collage taugt. Lassen Sie sich durch ungewöhnliche Materialien wie zum Beispiel ein Zementrelief oder den verborgenen dreidimensionalen Formenreichtum von Polystyrol überraschen.

Freuen Sie sich über den Spannungsreichtum von Formen, die das Chaos disziplinieren und zugleich Ordnungen sichtbar machen.

Schauen Sie die Bilder sowohl aus der Nähe als auch aus der Ferne an und lassen Sie sich in deren Ideen- und Idealwelten entführen.

Enträtseln Sie die Symbolik der naiven Malerei ebenso wie diejenige der Farbe Weiss.

Folgen Sie der Transformation geistiger Ideen und Träume in eine neue und eigene künstlerische Realität.

 

Und bedanken Sie sich gemeinsam mit mir bei einer Gruppe von Künstlerinnen und Künstlern, die seit nunmehr 60 Jahren das kulturelle Leben in Wiesbaden bereichert und der ich zum Abschluss meiner kleinen Einführung meine Anerkennung und eine herzliche Gratulation überbringe.

 

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit

 


Ausstellung der Gruppe 50 Wiesbaden

 

in der Alpen-Adria-Galerie im

 

Stadthaus-Palais der Stadt Klagenfurt

 

 

 

Einführende Worte zur Eröffnung

 

am 19. Mai 2010

 

Prof. Dr. Tom Sommerlatte

 

 

 

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Scheider,

sehr geehrter Herr Kulturdezernent Gunzer,

meine verehrten Damen und Herren,

 

Die Künstler der Gruppe 50 aus Wiesbaden begrüßen Sie alle sehr herzlich bei dieser Ausstellungseröffnung im Rahmen des 80-jährigen Jubiläums der Städtepartnerschaft Wiesbaden-Klagenfurt.

Der Oberbürgermeister der Stadt Wiesbaden, Herr Dr. Müller, hat mich beauftragt, Ihnen allen seine herzlichen Grüße zu übermitteln.

Wir sind mit großem Interesse in Ihre so schöne, beeindruckende Stadt gekommen, von der wir viel gelesen und gehört haben, der Partnerstadt Wiesbadens, die wir auf diese Weise besonders involviert erleben können.

 

Ich möchte Ihnen heute mit meinen einführenden Worten drei Überlegungen vermitteln:

 

1. Wie kommt eine Künstlergruppe wie die Gruppe 50 eigentlich zustande und bleibt über nunmehr schon 60 Jahre aktiv und künstlerisch aktuell?

 

2. Worin besteht das Verhältnis zwischen den einzelnen Mitgliedern der Gruppe 50 (mit ihrem jeweils doch sehr eigenstän-digen künstlerischen Weg) und der Gruppe als Ganzes?

 

3. Welches sind die künstlerischen Schwerpunkte der hier ausgestellten Bilder und Skulpturen?

 

Zunächst also zum "Geheimnis" der Gruppe 50.

 

Einen Erklärungsansatz finden wir in der Person von Christa Moering, die 1950 die Gruppe 50 in Wiesbaden mitbegründete und seitdem, noch heute, ihr Kristallisationskern ist. Sie ist sozusagen die Seele der Gruppe, denn in ihrer Galerie und in ihrer Malschule begannen viele, auch eine Reihe der Mitglieder der Gruppe 50, ihren künstlerischen Weg.

 

Christa Moerings eigene künstlerische Biografie geht auf die 1930er Jahre zurück, als das, was wir heute klassische Moderne nennen, in vollem Gang und noch nicht als "entartete Kunst" abgestempelt war. Die Bilder der Brücke-Maler, also des Expressionismus, ebenso wie Kandinskys abstrakte Malerei waren ihr bekannt. In den Jahren des Dritten Reiches setzte sie sich zusammen mit Gleichgesinnten unbeirrt mit der Farbenlehre und den Grundfragen der Malerei auseinander. So konnte sie nach 1945 gut vorbereitet ihren eigenen Weg beginnen, von der Natur ausgehend, Strukturen und Farben in autonome Form-Farb-Kompositionen umsetzend, expressiv, feinfühlig und poetisch. In Wiesbaden setzt sie sich durch die Bekanntschaft mit den Wiesbadener Malern Otto Ritschl und Ernst Wilhelm Nay mit der gegenstandlosen Malerei auseinander, aber ihr Interesse für Menschen und Erlebtes als Träger seelischer und geistiger Vorgänge ist für völlige Abstraktion zu stark, sie entwickelt ihre eigene Bildsprache für Stilleben, Landschaften, Portraits, Architektonisches, denen sie zwar abstrakte Formen und intensivierte Farben entlockt, die aber immer Spiegel ihres Bewusstseinprozesses bleiben.

 

So kann Christa Moering viel Verständnis für die künstlerischen Eigenständigkeiten und die Suche nach Gestaltungssprache anderer Maler aufbringen, die sie ermutigt und um sich schart. Dabei sind nicht Richtungsfragen das bestimmende Kriterium sondern Intensität, Konsequenz, Aufrichtigkeit, Entwicklungs-fähigkeit und, wenn es nicht ein zu gewagter Begriff wäre, eine gewisse Seelenverwandt-schaft.

 

Der zweite Erklärungsansatz für das "Geheimnis" der Gruppe 50 sind die immer wieder zu Gemeinsamkeit und Identifikation anfachenden Gruppenausstellungen – wie diese hier in Klagenfurt – die die Künstler der Gruppe 50 gemeinsam konzipieren und planen, zu denen sie anreisen und die sie als Gruppe erleben. Unvergesslich sind die Ausstellungen im Museum Anna Achmatova in St. Petersburg, im Telmo Museum im spanischen San Sebastian (auch einer Partnerstadt Wiesbadens), aber auch die häufigen Gruppenausstellungen in Wiesbaden, Mainz und Umgebung.

 

So geben Sie uns hier in Klagenfurt auch wieder eine Chance, den neuesten Entwicklungsstand im Schaffen der anderen Gruppenmitglieder wahrzunehmen und zu diskutieren.

 

Ein dritter Erklärungsansatz für das "Geheimnis" der Gruppe 50 schließlich sind die intensiven Diskussionen, die sich bei den regelmäßigen Gruppentreffen abspielen und bei denen über aller Unterschiedlichkeiten hinweg gemeinsame Kriterien von Qualität die entscheidende Rolle spielen, nach denen auch bei Neuaufnahmen beurteilt wird.

 

 Damit kommen wir zur zweiten Überlegung, die ich hier einleitend anstellen möchte: dem Verhältnis zwischen den einzelnen Gruppenmitgliedern und der Gruppe insgesamt.

 

 Es besteht natürlich eine mehr oder weniger unausgesprochene Spannung zwischen den Gruppenmitgliedern, die ja unterschiedliche Schaffenskonzeptionen vertreten. Jeder hat ja für sich eine ausgereifte Ausdrucksweise entwickelt und arbeitet weiter daran, eine Überzeugung, ja eine Identität. Aber die Gruppe lässt sehr unterschiedliche Identitäten zu, solange die Konsequenz, die Aufrichtigkeit und die Entwicklungsfähigkeit gesichert sind, die man untereinander respektieren kann. So findet das einzelne Gruppenmitglied nicht etwa, wie es bei der Expressionistengruppe Brücke oder beim Blauen Reiter oder bei den verschiedenen "ismen" (Kubismus, Tachismus, Surrealismus, Realismus etc.) der Fall war, eine Stilgemeinschaft oder eine kämpferische Gemeinschaft der Avantgarde. Obwohl ja einzelne Gruppenmitglieder durchaus avantgardistisch orientiert sind!

 

Stattdessen sucht jedes Gruppenmitglied den Gedankenaustausch über die in den verschiedenen Strömungen steckenden künstlerischen Werte und Motivationen und die Meta-Gemeinsamkeiten des Engagements. Es wird durchaus gestritten und kann hitzig werden, aber verbindend bleibt immer die Suche nach kreativer Qualität und Eigenständigkeit.

 

Und damit sind wir bei der letzten Überlegung, die ich mit Ihnen anstellen möchte: die nach den künstlerischen Schwerpunkten der hier ausgestellten Werke.

 

Es sind 18 Künstler und Künstlerinnen vertreten, jeweils naturgemäß mit nur wenigen seiner bzw. ihrer neuesten Bilder oder Skulpturen (zwei Drittel davon übrigens Künstlerinnen, auch das wohl eine prägende Besonderheit der Gruppe 50).

 

Völlig gegenstandslose Bild-Erfindungen stellen das eine Ende des Spektrums dar, vollkommen gegenständliche Malerei das andere. Dazwischen bewegen sich weitgehend abstrakte Bilder, die aber figurative Anmutungen oder gar Metaphern erkennen lassen, und aus der Landschafts-, Menschen- und Objektbeobachtung abgeleitete Bilder, die aber durch eigenständiges Farb- und Formenspiel mehr oder weniger stark abstrahiert sind.

 

Das Gemeinsame sind also nicht der Grad der Abstraktion oder der Gegenständlichkeit sondern explorative Farbkompositionen, gestalterisches Spiel und die Sensibilität der Auseinandersetzung. So geht es in der Malerei der Gruppe 50 gar nicht um oberflächliches Erkennen oder Nichterkennen sondern um visuelle Reize, Klingen von Farben, um Erlebnisräume und Betroffenheit im Sinne intensiver Bildhaftigkeit.

 

Und nun, meine Damen und Herren,  lassen Sie die Ausstellung auf sich wirken. Seien Sie ohne Vorurteile – vielleicht sehen Sie auf diese Weise mehr, als wenn Sie ein- und zuzuordnen versuchen. Die Künstler der Gruppe 50 stehen Ihnen sehr gerne für Fragen und Diskussionen zur Verfügung.